The century of letters and friendship

A guest post this week: Dr Marie Isabel Matthews-Schlinzig explains the special place writing letters had for German-speakers in the eighteenth century…

Since ancient times, letter writing and friendship have been intimately connected in people’s imagination. For centuries, letters were even defined specifically as ‘a mutual conversation between absent friends’ (to quote from Erasmus’s treatise on letter writing, Opus de conscribendis epistolis, 1522). Correspondence between friends also came to be associated with a distinct epistolary type: the letter of friendship. Such letters were usually characterized by a familiar tone and a level of intimacy not found in other types of letters, e.g. official communication sent from a public institution to a citizen.

In German cultural and literary history, letters of friendship flourished particularly in the eighteenth century. In this period, which has been called both the ‘century of letters’ and the ‘century of friendship’, people began to celebrate personal friendships in new ways. Letters played a key role in creating and/or sustaining these friendships – sometimes over long distances and periods of time. The language correspondents used was often very sentimental: friends would, for instance, write at length about exchanging hugs and kisses to ensure each other of their mutual affection.

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Gleim’s Temple of Friendship (Photo: Ulrich)

One of the historical persons who exemplify this particular culture of friendship is the German author Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719–1803). Not only was he a prolific (and published) letter writer; he also had a Freundschaftstempel (Temple of Friendship) in his house in Halberstadt. The Temple consisted of several rooms whose walls were covered with portraits of his friends (and can still be seen today in the Gleimhaus). Gleim also had a special writing chair made, which he would move around his temple in order to position himself in front of the portrait of the friend to whom he wanted to write a letter – or whose letter to himself he was about to open and read.

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Title page of Rode’s book (Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt)

Letters of friendship were not the preserve of adults. On the contrary: letters were among the first types of text children learnt about. Entering a correspondence was part of their education as it helped them practise a range of skills, including their spelling and grammar, handwriting, understanding of social conventions – and also their knowledge of foreign languages. We can see aspects of this practice reflected in what may be the earliest German book of fictional children’s correspondence – August Rode’s Briefwechsel einiger Kinder (1776). Among others, it includes the letters exchanged between a group of boys: Carl, Albert, Casimir, Heinrich, and Hamilton. They correspond about all kinds of topics, including their relatives, new experiences, and games played. Since Hamilton is writing in his native French – a language which all the other boys are learning – Carl also uses it in his replies.

Ultimately, Rode’s book is just one example of many which illustrate that friendship, letter writing, and learning go well hand in hand – and that is as true today as it was in the eighteenth century!

About the author:

Marie Isabel Matthews-Schlinzig is a freelance author, editor, scholar, and translator. Together with Caroline Socha, she runs the blog whatisaletter; their their most recent publication is the bilingual collection Was ist ein Brief? Aufsätze zu epistolarer Theorie und Kultur – What is a letter? Essays on epistolary theory and culture (2018).

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Rahel Varnhagens Berlin

We’re back from our Christmas break, and Jana Maria Weiss continues our series of posts on literary images of Berlin with an exploration of the work of Rahel Varnhagen, a German-Jewish writer in the eighteenth century who also hosted one of the most celebrated literary salons of her day.

Manchmal träumt Rahel davon eine richtige Schriftstellerin zu sein. Sie weiß, dass sie das Zeug dazu hätte, und wird es doch nie werden:

Der größte Künstler, Philosoph oder Dichter ist nicht über mir. Wir sind vom selben Element . . . mir aber ward das Leben angewiesen.

Sie wird keine Gedichte, Romane oder Dramen schreiben – und doch ein literarisches Erbe hinterlassen, das von großer poetischer Kraft ist. In unzähligen Briefen, Reiseberichten und Tagebucheinträgen verarbeitet sie ihr Leben lang schreibend ihre Erfahrungen. Es entsteht ein Textgeflecht, das nicht nur Rahels Biografie dokumentiert, sondern ein lebhaftes Bild ihrer Zeit entwirft.

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Rahel Varnhagen von Ense (1817) – a portrait after Moritz Michael Daffinger

Ihre Zeit – das ist die Epoche der Romantik um 1800 in Berlin. 1771 wird Rahel Varnhagen (1771 – 1833), die damals noch Levin heißt, als Tochter eines wohlhabenden Berliner Bankiers geboren. Man lebt in der Jägerstraße am Gendarmenmarkt, einer der prächtigsten Gegenden der Stadt. Trotz ihrer hervorgehobenen Position im Wirtschaftsleben sind die Levins als jüdische Familie gesellschaftliche Außenseiter. Ihr Leben lang leidet Rahel darunter. Sie kämpft um Anerkennung und versucht sich anzupassen. Ganz gelingt ihr das nie. Dass Rahel trotzdem ein großes Selbstbewusstsein entwickelt, hat sie vor allem dem Lesen zu verdanken. Autodidaktisch macht sie sich mit der großen Weltliteratur vertraut, liest Shakespeare, Dante, Lessing und Goethe. Das umfangreiche Wissen, das sie sich auf diese Weise aneignet, gepaart mit ihrem geistreichen Humor, macht aus ihr die charmante Intellektuelle, die später von so Vielen bewundert wird.

Kaum eine andere Frau wird eine derartige Palette an Komplimenten großer Dichter aufweisen können: Heinrich Heine nennt sie die „geistreichste Frau des Universums“, Franz Grillparzer bekennt, nie in seinem Leben jemanden „interessanter und besser reden gehört“ zu haben und der von Rahel innig verehrte Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe verdichtet sein weit ausholendes positives Urteil über sie in den Worten: „sie ist, was ich eine schöne Seele nennen möchte.“

Doch wie gelingt es der jungen Rahel solche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen? Eine Schönheit ist sie nicht, doch verfügt sie über die Gabe, Menschen zusammenzuführen und zu unterhalten. Sie ist ein wahres Geselligkeitsgenie und weiß es auch. So schreibt sie in einem ihrer Briefe an Clemens Brentano:

Ich liebe unendlich Gesellschaft und bin ganz überzeugt, daß ich dazu gebohren, von der Natur bestimmt und ausgerüstet bin.

Wie viele andere jüdische Frauen gründet Rahel, ihrer gesellschaftlichen Außenseiterrolle zum Trotz, schlichtweg ihre eigene Gesellschaft: Sie eröffnet einen Salon. Im Dachstubenzimmer der Jägerstraße 54 trifft man sich fortan in geselliger Runde, um über Kunst und Literatur zu sprechen. Bei Tee und Gebäck wird diskutiert, philosophiert und Musik gemacht. Die jüdischen Berliner Salons avancieren zu einem Kult, der Intellektuelle aus ganz Deutschland in die preußische Hauptstadt zieht. Als Salon mit der größten Anziehungskraft gilt bald der von Rahel Levin. Größen des Berliner Lebens, von den Humboldt-Brüdern über romantische Dichter wie Tieck und Schlegel bis hin zum preußischen Adel, gehen in der Jägerstraße ein und aus.

Man suchte sie gern auf, nicht bloß, weil sie von sehr liebenswürdigem Charakter war, sondern weil man fast mit Gewißheit darauf rechnen konnte, nie von ihr zu gehen, ohne nicht etwas von ihr gehört zu haben und mit hinwegzunehmen, das Stoff zu weiterem ernsten, oft tiefen Nachdenken gab oder das Gefühl lebendig anregte.

So schreibt Wilhelm von Humboldt 1834 über Rahel. Doch ein Teil der populären Gesellschaftsdame fühlt sich immer noch einsam. Aufgrund von Rahels jüdischer Herkunft scheitern mehrere Verlobungen. Erst im Alter von 43 Jahren wird sie den Diplomaten Karl August Varnhagen von Ense heiraten. Ihre vorigen Affären und gescheiterten Beziehungen veranlassen die Berliner Gesellschaft zu bösem Gerede.

Oft unternimmt Rahel allein ausgedehnte Spaziergänge durch Berlin. Sie beobachtet das städtische Treiben und lässt dabei ihre Gedanken schweifen. Was sie wahrnimmt und wie sie sich fühlt beschreibt sie in Tagebucheinträgen und Briefen. So an ihren Freund Alexander von der Marwitz:

Wollte allein umherlaufen; mir war sehr unwohl im Gehirn. (…) Ich ging am Schiffbauerdamm und Weidendamm, kurz an allen großen Plätzen der Stadt umher und dachte an Sie.

Ganz im Sinne der Romantik widmet Rahel sich bei ihren Spaziergängen besonders der Naturbeobachtung. Genau beschreibt sie die jahreszeitlichen Veränderungen in der Stadt:

Hundertfälliges Grün, geputzte Blüten, alles empfängt Sie und weht Ihnen Juni-Gedanken an, das tut der Mai, leichtere Schatten präsentieren sich schon . . . die Stadt riecht nach Bäumen wie ein Wald.

Die sinnliche Erfahrung der Natur wird dabei eng mit der Erfahrung des Ichs, den eigenen Stimmungen und Gefühlen, verbunden:

Ich habe mir jetzt angewöhnt abends nach dem Tiergarten zu Marcus zu gehen (…) Der Wald ist göttlich! – wunderbar schön. So dünkt mich hatten sich Laub, Zweige, Blätter Scheine und Farben nie. Alles so zauberartig! Und wahrhaftig, ich befinde mich doch nicht so prächtig.

Zeitlebens begleitet Rahel eine innere Schwermut, die so gar nicht zu ihrem charmanten und selbstsicheren Auftreten als Salondame zu passen scheint. Doch vielleicht ist gerade das Geselligsein, der rege Austausch mit Anderen, den sie stets pflegt, ihr Mittel, gegen das Gefühl innerer Leere anzukämpfen. Rahel ist immer auf der Suche nach Selbsterfahrung: im Gespräch mit intellektuellen Größen, beim Flanieren durch das sich stets verändernde Berlin und nicht zuletzt beim Schreiben.

Rund 10 000 Briefe umfasst ihr literarisches Werk. Es ist das geworden, was Rahel Varnhagen selbst prophezeit hat: eine Original-Geschichte und poetisch – darüber hinaus ein wunderbares Porträt der Stadt Berlin.

Jana Maria Weiss, OGN Ambassador