Rahel Varnhagens Berlin

We’re back from our Christmas break, and Jana Maria Weiss continues our series of posts on literary images of Berlin with an exploration of the work of Rahel Varnhagen, a German-Jewish writer in the eighteenth century who also hosted one of the most celebrated literary salons of her day.

Manchmal träumt Rahel davon eine richtige Schriftstellerin zu sein. Sie weiß, dass sie das Zeug dazu hätte, und wird es doch nie werden:

Der größte Künstler, Philosoph oder Dichter ist nicht über mir. Wir sind vom selben Element . . . mir aber ward das Leben angewiesen.

Sie wird keine Gedichte, Romane oder Dramen schreiben – und doch ein literarisches Erbe hinterlassen, das von großer poetischer Kraft ist. In unzähligen Briefen, Reiseberichten und Tagebucheinträgen verarbeitet sie ihr Leben lang schreibend ihre Erfahrungen. Es entsteht ein Textgeflecht, das nicht nur Rahels Biografie dokumentiert, sondern ein lebhaftes Bild ihrer Zeit entwirft.

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Rahel Varnhagen von Ense (1817) – a portrait after Moritz Michael Daffinger

Ihre Zeit – das ist die Epoche der Romantik um 1800 in Berlin. 1771 wird Rahel Varnhagen (1771 – 1833), die damals noch Levin heißt, als Tochter eines wohlhabenden Berliner Bankiers geboren. Man lebt in der Jägerstraße am Gendarmenmarkt, einer der prächtigsten Gegenden der Stadt. Trotz ihrer hervorgehobenen Position im Wirtschaftsleben sind die Levins als jüdische Familie gesellschaftliche Außenseiter. Ihr Leben lang leidet Rahel darunter. Sie kämpft um Anerkennung und versucht sich anzupassen. Ganz gelingt ihr das nie. Dass Rahel trotzdem ein großes Selbstbewusstsein entwickelt, hat sie vor allem dem Lesen zu verdanken. Autodidaktisch macht sie sich mit der großen Weltliteratur vertraut, liest Shakespeare, Dante, Lessing und Goethe. Das umfangreiche Wissen, das sie sich auf diese Weise aneignet, gepaart mit ihrem geistreichen Humor, macht aus ihr die charmante Intellektuelle, die später von so Vielen bewundert wird.

Kaum eine andere Frau wird eine derartige Palette an Komplimenten großer Dichter aufweisen können: Heinrich Heine nennt sie die „geistreichste Frau des Universums“, Franz Grillparzer bekennt, nie in seinem Leben jemanden „interessanter und besser reden gehört“ zu haben und der von Rahel innig verehrte Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe verdichtet sein weit ausholendes positives Urteil über sie in den Worten: „sie ist, was ich eine schöne Seele nennen möchte.“

Doch wie gelingt es der jungen Rahel solche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen? Eine Schönheit ist sie nicht, doch verfügt sie über die Gabe, Menschen zusammenzuführen und zu unterhalten. Sie ist ein wahres Geselligkeitsgenie und weiß es auch. So schreibt sie in einem ihrer Briefe an Clemens Brentano:

Ich liebe unendlich Gesellschaft und bin ganz überzeugt, daß ich dazu gebohren, von der Natur bestimmt und ausgerüstet bin.

Wie viele andere jüdische Frauen gründet Rahel, ihrer gesellschaftlichen Außenseiterrolle zum Trotz, schlichtweg ihre eigene Gesellschaft: Sie eröffnet einen Salon. Im Dachstubenzimmer der Jägerstraße 54 trifft man sich fortan in geselliger Runde, um über Kunst und Literatur zu sprechen. Bei Tee und Gebäck wird diskutiert, philosophiert und Musik gemacht. Die jüdischen Berliner Salons avancieren zu einem Kult, der Intellektuelle aus ganz Deutschland in die preußische Hauptstadt zieht. Als Salon mit der größten Anziehungskraft gilt bald der von Rahel Levin. Größen des Berliner Lebens, von den Humboldt-Brüdern über romantische Dichter wie Tieck und Schlegel bis hin zum preußischen Adel, gehen in der Jägerstraße ein und aus.

Man suchte sie gern auf, nicht bloß, weil sie von sehr liebenswürdigem Charakter war, sondern weil man fast mit Gewißheit darauf rechnen konnte, nie von ihr zu gehen, ohne nicht etwas von ihr gehört zu haben und mit hinwegzunehmen, das Stoff zu weiterem ernsten, oft tiefen Nachdenken gab oder das Gefühl lebendig anregte.

So schreibt Wilhelm von Humboldt 1834 über Rahel. Doch ein Teil der populären Gesellschaftsdame fühlt sich immer noch einsam. Aufgrund von Rahels jüdischer Herkunft scheitern mehrere Verlobungen. Erst im Alter von 43 Jahren wird sie den Diplomaten Karl August Varnhagen von Ense heiraten. Ihre vorigen Affären und gescheiterten Beziehungen veranlassen die Berliner Gesellschaft zu bösem Gerede.

Oft unternimmt Rahel allein ausgedehnte Spaziergänge durch Berlin. Sie beobachtet das städtische Treiben und lässt dabei ihre Gedanken schweifen. Was sie wahrnimmt und wie sie sich fühlt beschreibt sie in Tagebucheinträgen und Briefen. So an ihren Freund Alexander von der Marwitz:

Wollte allein umherlaufen; mir war sehr unwohl im Gehirn. (…) Ich ging am Schiffbauerdamm und Weidendamm, kurz an allen großen Plätzen der Stadt umher und dachte an Sie.

Ganz im Sinne der Romantik widmet Rahel sich bei ihren Spaziergängen besonders der Naturbeobachtung. Genau beschreibt sie die jahreszeitlichen Veränderungen in der Stadt:

Hundertfälliges Grün, geputzte Blüten, alles empfängt Sie und weht Ihnen Juni-Gedanken an, das tut der Mai, leichtere Schatten präsentieren sich schon . . . die Stadt riecht nach Bäumen wie ein Wald.

Die sinnliche Erfahrung der Natur wird dabei eng mit der Erfahrung des Ichs, den eigenen Stimmungen und Gefühlen, verbunden:

Ich habe mir jetzt angewöhnt abends nach dem Tiergarten zu Marcus zu gehen (…) Der Wald ist göttlich! – wunderbar schön. So dünkt mich hatten sich Laub, Zweige, Blätter Scheine und Farben nie. Alles so zauberartig! Und wahrhaftig, ich befinde mich doch nicht so prächtig.

Zeitlebens begleitet Rahel eine innere Schwermut, die so gar nicht zu ihrem charmanten und selbstsicheren Auftreten als Salondame zu passen scheint. Doch vielleicht ist gerade das Geselligsein, der rege Austausch mit Anderen, den sie stets pflegt, ihr Mittel, gegen das Gefühl innerer Leere anzukämpfen. Rahel ist immer auf der Suche nach Selbsterfahrung: im Gespräch mit intellektuellen Größen, beim Flanieren durch das sich stets verändernde Berlin und nicht zuletzt beim Schreiben.

Rund 10 000 Briefe umfasst ihr literarisches Werk. Es ist das geworden, was Rahel Varnhagen selbst prophezeit hat: eine Original-Geschichte und poetisch – darüber hinaus ein wunderbares Porträt der Stadt Berlin.

Jana Maria Weiss, OGN Ambassador

Wust – one letter away from ‘Wurst’ and ‘Wüste’

Back in Februrary, on the way to our Kneipenquiz at a local school, OGN Coordinator Nicola discovered that one of our Ambassadors, Chris, had spent his summer in a place she knew very well indeed – in Wust.  Where?  Wust.  (I’ll leave Chris to explain…)  Between us we have spent three summers in Wust and wanted to take the opportunity to introduce this wonderful little place to a wider audience, and hopefully persuade more students to make the journey Wust-wards. Over to Chris…

Nestled deep in the countryside of Saxony-Anhalt, Wust is a small village in the former East Germany. That description generally draws some pretty bemused looks, and you’re probably wondering what the attraction could be for your average 20-year-old student. Well, I’ve now spent two pretty incredible summers in Wust, and have every intention of going back for a third time –  this post hopefully will give some idea of what is so special about the place!

This tiny village just west of Berlin comes alive for four weeks in July and August, when it hosts the Sommerschule Wust. Every summer, hundreds of Germans (the Teilnehmer) flock to Wust, keen to learn English. The summer school is open to all, from eight-year olds to eighty-year olds, from absolute beginners to fluent English teachers. They come from all over, mainly from ‘die neuen Bundesländer’ but also from as far away as Düsseldorf and even the Ivory Coast!

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Leafy, sleepy Wust, home of the Sommerschule Wust

And who teaches them? This pleasure falls to a team of teachers (Dozenten) drawn (mostly) from Oxford, Cambridge and Brown Universities. The Dozenten are a very mixed bunch, usually, but not always, language students, with a variety of skills and interests, covering everything from highland dancing to macro-economics.  There’s no Wust ‘type’, and everyone quickly forms lasting friendships. The Dozenten live with local families – a great opportunity to sample German cuisine (yes, there is more to it than potatoes and pork!) and to practise your German.

A typical day in Wust starts bright and early with Morgenappell at 08:45 before the first lesson starts at 09:00. Teilnehmer have three language classes every morning, each with a different Dozent. You’re free to teach whatever and however you like, as long as it gets the class speaking English! In the afternoon, we offer a variety of ‘workshops’ about different topics. There are some which run every year, such as ‘Road Trip Around the UK/USA’, Film, ‘Dancing with the Stars’, Choir, and Literature, but there is also plenty of room for new innovations, depending on your interests – hence Salsa, Scottish Politics, and Euclidean Geometry were also on offer in 2016.

The highlight of the day is usually the evening activities on the Sportplatz. Each evening has a theme – such as 4th July or ‘British Day’ – and there’s always sufficient opportunity to make a fool of yourself playing volleyball or learning ceilidh dancing, while eating more Wurst and drinking more beer than you thought humanly possible! Rehearsals for the bilingual theatre production also take place in the evening: the Summer School’s annual play is something of a community event in the local area. Both Teilnehmer and Dozenten take to the stage for what is always an incredible production.

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Teilnehmer at the Sommerschule Wust gather at the Sportplatz to enjoy the evening activities

You may be wondering why such a small village hosts such a big event. It all came about as the result of the efforts of Maria von Katte, who is now something of a local celebrity. Frau von Katte gained her D.Phil (doctorate) at St Hugh’s College, Oxford in the 1960s, and, following the fall of the Berlin Wall, returned to her familial homeland, determined to help the local community adapt to life post-Wende. The first Summer School was planned as a small course for local teachers run by two professors and a handful of students. Yet interest proved so great that it quickly evolved into two three-week courses, each for 200 Teilnehmer, run by three Professors and 30 Dozenten! The organisers had no doubt that the Summer School would catch on, owing to its informal and innovative atmosphere.  Indeed, last year, Wust celebrated its 25th anniversary, and it looks set to continue for another 25 years in pretty much the same spirit. Not least because once you’ve been, few can resist the temptation of going back – some of the Teilnehmer have been coming almost every year since 1991!

So, to summarise – Wust: found in the middle of a Wüste, famous for its Wurst, and an experience I would heartily recommend. We’ll be recruiting once again from Oxford this year – keep an eye out for the adverts around February time!

 Chris Ellison, 3rd-year French and German, Lady Margaret Hall, Oxford

[Although the text and all its imperfections are my own, I must give credit to two true ‘Wusties’ for their help: Scott Usatorres for his excellent photos and Michael Laver for the punny title.]

Mascha Kalékos Berlin

Welcome to a new series of blog posts on literary themes! Over the next couple of months, OGN Ambassador and Oxford student, Jana Maria Weiss will explore literary images of Berlin through the works of different authors. Here, she kicks off the series with Mascha Kaléko, a Jewish German poet of the early twentieth century.

„Paris ist schön … sehr schön. Aber leben, leben in Berlin“

schrieb Mascha Kaléko (1907-1975), geschätzte und geschmähte Lyrikerin im Berlin der 20er und 30er Jahre, von einer Frankreichreise 1932 nach Hause. Nach Berlin – der Stadt, die Mittelpunkt ihres Lebens und Fixpunkt ihres dichterischen Schaffens geworden war. Dabei fühlte sich die galizische Jüdin, die im Alter von 16 Jahren mit ihrer Familie nach Berlin umsiedelte, zunächst durchaus als Fremdling in der großen deutschen Metropole.

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Mascha Kaléko

Man lebte in der Spandauer Vorstadt – ein Viertel, das vor allem von armen osteuropäischen Juden bewohnt wurde, die zu dieser Zeit als minderwertige Gesellschaftsgruppe galten. Ihre Herkunft verschwieg Mascha Kaléko daher oft. Sie versuchte sich anzupassen, möglichst nicht als „anders“ aufzufallen. Sprachfeinfühlig wie sie war, begann sie sich in den Berliner Dialekt einzuhören und fand so den schnoddrigen Ton, der später zum Charakteristikum ihrer Lyrik wird.

Nach Abschluss der Schule beginnt sie eine Ausbildung zur Stenotypistin. Der Beruf füllt sie nicht aus – lieber hätte sie studiert, aber es sind schlechte Zeiten. Inflation und
Massenarbeitslosigkeit bestimmen das Berliner Leben. Raum für ihre eigentlichen Interessen bleibt Mascha Kaléko nur am Ende der monotonen Achtstundentage. Sie besucht universitäre Abendkurse in Philosophie und Psychologie – und entdeckt das Schreiben für sich.

Aus dem Alltag flüchtet Mascha in die Poesie. Und poetisiert dort den Alltag. In Kontrast zur traditionell gefühlvollen Lyrik dichtet sie in einem neuen Stil, der in seiner Sachlichkeit tatsächlich ein bisschen an Schreibmaschinentexte aus dem Büro erinnert. In ihren Gedichten skizziert sie das Berliner Großstadtleben, spürt den Sorgen der kleinen Leute nach und thematisiert zwischenmenschliche Beziehungen in der Anonymität der Metropole. Maschas Berlin ist das der jungen Bürodamen und Angestellten, die im Gewühl der Großstadt auf der Suche nach dem kleinen Glück sind.

Mit fast vier Millionen Einwohnern ist Berlin zu dieser Zeit nach London und New York die
drittgrößte Stadt der Welt. Auf den Straßen herrscht lautes und hektisches Treiben.
Ein Idyll war das Berlin der 20er Jahre sicher nicht – wie Mascha Kalékos Gedicht Frühling
über Berlin verdeutlicht. Spöttisch ironisiert sie darin das berühmte romantische Gedicht
Frühling lässt sein blaues Band… (1892) von Eduard Mörike. Und die bei Mascha Kaléko beschriebene Großstadtliebe scheint die Bezeichnung „Liebe“ gar nicht recht verdient zu haben – so unromantisch und kurzlebig wie sie ist.

Die Mischung aus Melancholie und Heiterkeit, die den Ton dieser Gedichte bestimmt, gilt bald als Mascha Kalékos Markenzeichen. Ironisch, einfühlsam und mit scheinbar plaudernder Leichtigkeit nähert sie sich ihren Themen und schafft es so, das Lebensgefühl der 20er Jahre in die Literatur zu übersetzen.

Bald drucken mehrere Berliner Tageszeitungen ihre Gedichte. Ihr erster Band Das lyrische
Stenogrammheft, der 1933 beim renommierten Rowohlt Verlag erscheint, ist innerhalb kurzer Zeit vergriffen. Mascha Kaléko ist zum neuen Star der Berliner Literaturszene geworden. Im „Romanischen Café“ an der Tauentzienstraße, dem damaligen Künstlertreff der Avantgarde, begegnet sie anderen berühmten Schriftstellern wie Else Lasker-Schüler, Kurt Tucholsky, Joachim Ringelnatz und Erich Kästner – sie diskutiert, phantasiert und schreibt. Viele sehen in ihr eine Vertreterin des neuen Frauentypus der 20er Jahre – selbstsicher und unabhängig.

Doch auf die „leuchtenden Jahre“ in Berlin folgt „die große Verdunkelung“ – wie Mascha
Kaléko es später rückblickend beschreibt. 1935 erhält sie als jüdische Schriftstellerin
Schreibverbot, im September 1938 – zwei Monate vor der Reichspogromnacht – verlässt sie Berlin und emigriert mit Mann und Sohn in die USA. Die Familie lebt nun in New York. Bald beherrscht Mascha genügend Englisch, um mit Übersetzungen und Werbetexten Geld zu verdienen, dichten kann sie jedoch nur in ihrer Muttersprache. Sie sehnt sich nach der
verlorenen Heimat, nach Deutschland und Berlin.

Zugleich ist die Erinnerung an das Land, das sie einst vertrieben hat, äußerst schmerzlich und bedrückend. Erst zehn Jahre nach Kriegsende wagt Mascha Kaléko die erste Reise nach Deutschland. Es kommt zum Wiedersehen mit Berlin. Der Besuch ist sehr aufwühlend. Die Stadt liegt in Trümmern und Mascha wird bewusst, dass „ihr Berlin“ für immer verschwunden ist. Das Wiedersehen wird zum Loslassen. Die geliebte, dann verlorene Stadt Berlin – nun nimmt Mascha Kaléko von ihr Abschied. Ein paar mal wird sie noch zurückkehren. Dort leben, „leben in Berlin“ – wie sie 1932 noch sehnsüchtig schrieb – wird sie nicht mehr.

1975 stirbt Mascha Kaléko in Zürich. In der Berliner Bleibtreustraße, Haus 10/11, wo sie vor
ihrer Emigration wohnte, erinnert eine Gedenktafel an sie.

Jana Maria Weiss, OGN Ambassador