Ulrich Plenzdorfs Berlin

In her second post on literary images of Berlin, Jana Maria Weiss introduces us to Ulrich Plenzdorf, a German dramatist and writer who spent much of his life in the GDR.*

Edgar Wibeau liebt amerikanische Jazzmusik, J. D. Salingers Fänger im Roggen und vor allen Dingen echte Jeans:

Für Jeans konnte ich überhaupt auf alles verzichten … Jeans sind eine Einstellung und keine Hosen.

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Ulrich Plenzdorf by Günter Prust (1993)

Kaum zu glauben, dass wir es hier mit einem Romanhelden der DDR-Literatur zu tun haben – dem Protagonisten aus Die neuen Leiden des jungen W., dessen Autor Ulrich Plenzdorf (1934 – 2007) über sich selbst sagte, er sei „von Biographie und Tradition her rot bis auf die Knochen“.

Plenzdorf, ein gebürtiger Kreuzberger, stammt aus einer kommunistischen Arbeiterfamilie. Mutter und Vater engagieren sich aktiv in der KPD. Und landen so während der Nazizeit mehrfach im Gefängnis. 1950 – ein Jahr nach Gründung der DDR – siedelt die Familie von West- nach Ostberlin über, wo Ulrich Plenzdorf 1954 die Schule abschließt. Mit bestandenem Abitur in der Tasche zieht es ihn zunächst nach Leipzig. Das dort aufgenommene Studium der Philosophie bricht er jedoch bald ab, um sich als Bühnenarbeiter bei der DEFA einer praktischeren Tätigkeit zu widmen. Er bleibt beim Film hängen und beginnt 1959 sein Studium an der Deutschen Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg. Berlin hat ihn wieder. Bald schreibt Plenzdorf eigene Filmszenarien für die DEFA – darunter sein wohl bekanntestes Werk Die neuen Leiden des jungen W., das 1972 als Filmerzählung in der Zeitschrift Sinn und Form erscheint. Der Text macht Ulrich Plenzdorf schlagartig bekannt.  Bald druckt man ihn in Ost und West als Buch.

Die Geschichte des Mittenberger Lehrlings Edgar Wibeau, der nach einer Auseinandersetzung mit seinem Meister die Ausbildung abbricht und in einer Ost-Berliner Laube untertaucht, begeistert die Leserschaft. Edgars Flucht vor gesellschaftlicher Bevormundung in die Einsamkeit ist eine Art Selbstverwirklichungstrip: In der verlassenen Laube tanzt und singt er amerikanisch, malt abstrakte Bilder und liest Goethes Werther, mit dem er sich bald seelenverwandt fühlt. Natürlich erscheint auch bei Edgar, dem „jungen W.“, bald ein reizendes Mädchen, zu dem die Liebe aus gesellschaftlichen Gründen unmöglich ist. Denn Charlie – wie Plenzdorf sie in Anlehnung an Goethes Charlotte nennt – ist verheiratet. Auch sonst gelingt Edgar die Rückkehr ins soziale Leben nicht. Er beginnt als Maler zu arbeiten, hat jedoch stets Probleme sich in die Handwerkertruppe zu integrieren. Es wird klar: Edgar ist alles andere als ein sozialistischer Held. Statt sich an fremdvorgegebenen kommunistischen Idealen zu orientieren, bekennt er völlig selbstbezogen:

Mein größtes Vorbild ist Edgar Wibeau. Ich möchte so werden wie er mal wird. Mehr nicht.

Doch seine individualistische Rebellion scheitert: Als er im Alleingang versucht, eine spezielle Farbspritzpistole zu konstruieren, kommt er durch einen Stromschlag in der Berliner Laube zu Tode.

Warum aber gerade in Berlin? Hätte Plenzdorf seinen Edgar Wibeau nicht einfach in Mittenberg lassen können, um diese Geschichte zu erzählen? Ich meine nicht. Denn gerade die Großstadt verdeutlicht als Kulisse den Konflikt zwischen Individuum und Kollektiv, der Plenzdorfs Werk bestimmt. Dem Großstadttreiben steht die einsame Laube gegenüber.

Plenzdorfs Berlin hat viele Augen. Wenn die Verliebten Paul und Paula in der Legende vom Glück ohne Ende durch die Straßen Friedrichshains spazieren, dann blickt die ganze Stadt auf sie. Wenn Paul vor Paulas Türe wacht, um sie nach ihrer Trennung zurückzugewinnen, schwirrt diese Nachricht bald durch ganz Berlin. Und das nicht, weil es sich bei den beiden um Ostberliner Promis handelt. Die alleinerziehende Kassiererin Paula und der studierte Paul sind ganz gewöhnliche Menschen. Wirklich realistisch ist das natürlich nicht – aber es zeigt, wie das Handeln des Einzelnen von der Gesellschaft beobachtet und dadurch eingeschränkt wird. Selbstverwirklichung ist im Kollektiv nicht möglich. Es fehlt der Raum für Eigensinn.

Paul: … es gibt Verpflichtungen, denen muß man nachkommen. Keiner kann immer nur das machen, was er will, vorläufig ist das so.

Paula: Und einfach … glücklich sein?

Paul: Bloß nicht auf Kosten anderer.

Paula: Und wenn doch?!

Paula ist wie Edgar ein durchschnittliches Mitglied der Arbeiterklasse. Ihre Berliner Alltagssprache ist einfach und direkt. Für große Politik hat sie nur wenig übrig.

Daß das häufige Auftauchen von Reisrezepten bedeutet, es wird Schwierigkeiten in der Kartoffelversorgung geben, konnte man ihr noch klarmachen. Daß aber ein dreispaltiger Artikel über die hervorragende Qualität der Schulspeisung (…) bedeutet, die Schulspeisung ist generell unter aller Würde, das begriff Paula schon nicht mehr. Sie war auch der Meinung, daß ein normaler Mensch da nicht mitkam.

Viel zu sehr beschäftigt sie ihre unmittelbare Umgebung: die Arbeit, die Familie – die Verwirklichung ihres privaten Glücks.

Plenzdorfs Protagonisten suchen Rückzugsorte, die in den dichtbevölkerten Berliner Plattenbausiedlungen kaum zu finden sind. Neben den großen Straßen in Mitte, Friedrichshain und Prenzlauer Berg werden so besonders kleine private Verstecke – von der Garage bis zur Gartenlaube – zu den wichtigen Berliner Schauplätzen seiner Literatur.

Neben der ironischen Beschreibung von Plattenbauten und Produktengpässen zeichnet sich Plenzdorfs Ostberlinbild also vor allem durch eines aus: die Feinfühligkeit mit der er den Einzelnen aus dem Kollektiv herauslöst, um dessen individuellen Sehnsüchten und Problemen nachzuspüren.

Plenzdorf erteilt den kommunistischen Idealen damit keine Absage, stellt aber infrage, ob sie in die Realität umgesetzt werden und überhaupt umsetzbar sind. Mit den Worten Plenzdorfs in der Legende von Paul und Paula:

Ideal und Wirklichkeit gehen nie übereinander. Ein Rest bleibt immer.

Literarische Kulisse für solche gesellschaftspolitischen Reflexionen ist stets Berlin – die Stadt, der Plenzdorf sein Leben lang verbunden bleibt.

2007 stirbt Ulrich Plenzdorf nach langer Krankheit in einer Klinik bei Berlin.

Jana Maria Weiss, OGN Ambassador

*OGN is grateful to the publishers for permission to cite Ulrich Plenzdorf’s work here.

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