“Achtig! Morgestraich! Vorwärts, marsch!”

OGN’s ‘Correspondent in Stuttgart’ took a trip across the border earlier in the month – to Switzerland, where she experienced a popular pre-Lent tradition with a contemporary edge…

Das, was ihr in der Schule gelernt habt, ist falsch. Grundlegend falsch. Das Jahr hat nicht vier Jahreszeiten; nein, es hat fünf. Das heißt, wenn du in einem deutschsprachigen Land wohnst: denn dort ist die fünfte Jahreszeit der Karneval. Oder Fasching. Oder Fastnacht. Oder Fasnet – je nach Region wird er unterschiedlich genannt.

Traditionsgemäß beginnt diese ‘Jahreszeit’ am 11. November – also der 11.11. – um 11:11 Uhr. Dann wird die normale Ordnung der Gesellschaft aufgehoben. Das Ganze mündet gut drei Monate später in einer Woche voller sehr ausgelassener Feierlichkeiten, zweifellos der Höhepunkt der vorösterlichen Veranstaltungen. Am Aschermittwoch ist diese Narrenzeit vorbei und die Gesellschaft widmet sich der viel ernsteren Fastenzeit. Die Woche davor aber konzentriert sich einerseits auf die witzigen und satirischen Narrensitzungen der Karnevalsgesellschaften (die z.T. auch im Fernsehen übertragen werden), aber ganz besonders auf die Umzüge!

Es gibt viel zu sehen: von den uniformierten Blechmusikkapellen, Prinzen-Garden und Tanzmariechen des rheinländischen Raums bis zu den maskierten Narren und Fantasiefiguren der ‘Narrensprünge‘ (=Umzüge) des schwäbisch-alemannischen Raums – letztere verteilen nicht nur Süßigkeiten unter den Kindern im Publikum, sondern ‘entführen’ auch willkürlich Schaulustige und nehmen sie eine Weile lange im Umzug mit. Jede Region hat sogar seinen ganz einzigartigen ‘Narrenruf’, der zwischen dem Publikum und den vorbeigehenden Narren und Karnevalsgesellschaften hin und her gerufen wird. Die bekanntesten sind ‘Alaaf’ und ‘Helau’ (aber es gibt viiiiiele andere; eine Liste findet ihr hier auf Wikipedia.

2017-03-15
Das Twitter-Konto der Lautsprecherdurchsagen der Deutschen Bahn zeigt, dass auch DB während der fünften Jahreszeit Spaß versteht.

Da ich in einer mittlerweile sehr entfernten Vergangenheit – und nur für sehr kurze Zeit – selber Tanzmariechen war, dachte ich, ich kenne mich so ziemlich aus mit der Karnevalszeit; und, dass mit Anfang der Fastenzeit der Fasching für ein Jahr vorbei wäre. Aber zu früh gefreut! Basel, in der Schweiz, macht es etwas anders. Dort findet die sogenannte ‘Fasnacht’ eine Woche später als überall sonst statt – daher wird es manchmal auch die ‘Bauernfasnacht’ genannt – und es geht los am Montag nach Aschermittwoch mit dem ‘Morgestraich’ (=Morgenstreich), der ‘die drey scheenste Dääg’ (=die drei schönsten Tage) des Jahres einleitet. Das muss man einfach erleben, sagten mir so einige!

Na, davon hatte ich noch nie etwas gehört – was ist denn eigentlich ein Morgestraich?! Ich ließ es mir von einem Freund, der nah an der Schweizer Grenze wohnt, erklären: Es ist der erste Fasnachtsumzug (genannt ‘Cortège’) in Basel und auch damit beginnt die Umkehrung der üblichen Regelungen der städtischen Ordnung. Das wird dadurch symbolisiert, dass das Cortège der ‘Cliquen’ (=Karnevalsgruppen) in kompletter Dunkelheit stattfindet: um Punkt 4 Uhr in der Frühe werden alle Lichter in der Stadt ausgeschaltet. Auch kein fotografieren mit Blitz ist erlaubt. Sollte z.B. ein Geschäft ein Licht versehentlich angelassen haben, wird es ausgemacht… mit lauteren oder “weniger lauteren” Mitteln! Die Cliquen tragen charakteristischen Kostümen und große Masken (=’Larven’), die zu ihren ausgewählten Themen (=’Sujets’) passen, und spielen Musik auf Trommeln und Piccolo Flöten. Weitere Cliquenzugehörige tragen große (und zuweilen auch kleine) beleuchtete Laternen mit handgemalten, aktuell-satirischen Sujets. Da die Cliquen keiner festgelegten Route durch die Stadt folgen, kommt es oftmals zu ‘Staus’ in den Straßen, wenn verschiedene Cliquen aufeinander treffen, mit ihrer jeweiligen Musik konkurrieren – eine ohrenbetäubende Kakophonie! – und vor allem aneinander vorbei wollen.

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Dieses Spektakel wollte ich unbedingt sehen (oder besser gesagt: hören), also machte ich mit einem Freund ab, dass wir mitten in der Nacht zusammen von Freiburg nach Basel zum Morgestraich fahren würden. Wir hatten aber nicht damit gerechnet, dass die Deutsche Bahn dieses Jahr den üblichen Sonderzug nach Basel gestrichen hat, und dass es keine andere Reisemöglichkeit zu solch früher Stunde geben würde. Etwas enttäuscht entschieden wir uns daher erst bei Tageslicht nach Basel zu reisen und dann den großen Cortège am Nachmittag zu besuchen.

Es hat sich dennoch gelohnt – trotz des miesen Wetters! Ein nicht enden wollender Strom von Cliquen, mit sowohl sehr jungen als auch recht alten Teilnehmern, partizipierten am Cortège; und alle waren mit fantasiereichen, bunten Kostümen und umhüllenden Larven verkleidet. Jede Clique hatte einen Anführer in überdimensionalem Kostüm, der die Geschwindigkeit kontrollierte und die, äh, ‘Musik’ dirigiert hat – eine kunterbunte Mischung aus traditionellen Flöte/Trommel Melodien, internationalen Chart Hits, deutschen Schlagern, Volksliedern und Militärmärschen. Nie ist das bekannte Lied ‘The Sound of Silence’ von Simon & Garfunkel mit so viel Ironie gespielt worden…

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Die Sujets der Cliquen umfassten die unterschiedlichsten Themen – leider sind weder meine baseldeutsch Fähigkeiten noch meine Kenntnisse über lokale Politik so ausgeprägt, dass ich alle Sprüche und Texte, die auf die riesigen, buntbemalten, grabsteinförmigen Laternen gemalt waren, verstehen konnte. Aus den Kostümen und Larven war allerdings leicht herauszulesen, dass einige Fragen der globalen Politik immer wieder satirisch aufgegriffen wurden: z.B. der Brexit und die Folgen der US-Wahlen waren besonders beliebte Sujets – wir haben Donald Trump-Doppelgänger, die Queen und Boris Johnson mehrmals erblickt… Ein besonderes Lob in Sachen Brexit-Verspottung gilt der Clique, die sich als ‘Shaun das Schaf’-Charaktere verkleidet hatte, samt ‘Farmer’-Anführer mit seinem Kumpan Bitzer (Shaun das Schaf ist wohl auch hier eine beliebte Fernsehsendung für Kinder). Andere Sujets behandelten Billigimporte aus Asien und China, Atomwaffen, Genderpolitik und LGBTQ-Fragen, Fernsehkrimis, und vieles mehr. Hier muss ich hinzufügen, dass einige Kostüme definitiv nicht politisch korrekt waren (jedenfalls aus den Augen einer Britin gesehen…!); auch wenn man mit dem Gedanken ‘andere Länder, andere Sitten’ so manches wegsteckt, gab es einige Momente, wo der berüchtigte Schweizer Kulturkonservatismus sich etwas unschön erblicken ließ.

Basel 2017 Mimosa
Eine Clique wirft Gemüse und Mimosa den Schaulustigen zu.

Alles in allem gab es in diesen paar Stunden des Cortège viele Denkanstöße. Naja, und Weiteres haben wir auch an dem Tag dazu gelernt… Es ist fast unmöglich in Basel an diesem Tag einen warmen, trockenen und ungestörten Ort zu finden, wo man etwas zu Essen bekommen kann. Die traditionelle Mehlsuppe wollen wahrscheinlich die wenigsten Leute tatsächlich essen. Und das natürlich bei schweizerischen Preisen, die fast doppelt so hoch wie die deutschen Preise sind.

Hier für Video klicken – zwei Cliquen spielen ihre Guggenmusik und marschieren aneinander vorbei!

Wenn ihr also nächstes Jahr vorhabt, zum Basler Morgestraich zu fahren – was ich tatsächlich nur empfehlen kann! – dann bringt euer eigenes Picknick und Thermosflaschen mit (und solide wasserdichten Kleidung!), oder seid bereit viel Geld für Essen auszugeben. Es sei denn, ihr plant euch an Fruchtbonbons und Karamellen satt zu essen!

Basel Morgestraich 2017 Süßigkeiten.jpgDoch vielleicht habt ihr auch Glück und fahrt mit fast allem, das ihr für ein Abendessen braucht, nach Hause! Denn während die meisten Umzüge anderswo nur Süßigkeiten und Konfetti werfen, schleudern die Basler Cliquen zusätzlich Orangen, Kartoffeln, Zwiebeln, Karotten und Rettiche in die Menschenmengen. Und – für die Damen – gelbe Rosen und Mimosen Sträuße…
Tja, und da das Ganze immer zur selben Zeit nach Aschermittwoch stattfindet, könnt ihr schon jetzt vorplanen und die Daten der Basler Fasnacht in euren Kalender eintragen: 2018 – 19. Februar; 2019 – 11. März; 2020 – 2. März.

Madeleine Brook, Stuttgart

Photos of Basel 2017 by Madeleine Brook & Harald T.

Sommertagszug – oder der brennende Schneemann

On a recent trip to Germany I stumbled across an unusual festival in the small town of Weinheim, Baden-Württemberg.  The “Sommertagszug” is celebrated every year on the Sunday in the middle of Lent, and aims to banish winter and welcome in the spring.  Amongst the more familiar symbols of spring, such as eggs, the afternoon’s events also featured the burning of a large snowman…

Weinheim3Wir sind alle froh, wenn die Tage länger werden und die Osterglocken und Schneeglöckchen ihre Gesichter zeigen.  Aber in der kleinen Stadt von Weinheim wird der Anfang des Frühlings wirklich gefeiert – in Form des Sommertagszuges.  Alljährlich am Sonntag Laetare (dem Sonntag in der Mitte der Fastenzeit) – dieses Jahr war es 6. März – feiern Weinheims Kinder den Einzug des Frühlings.  Natürlich feiern auch viele Erwachsenen mit.

Der Sommertagszug ist ein uraltes Frühlingsfest, dessen Ursprung bis in die vorchristliche Zeit zurück reicht.  Heute kann es bis zu 3.000 Zugteilnehmer geben, hauptsächlich Schüler und Kinder aus den lokalen Kindergärten.  Die Teilnehmer tragen Stecken (lange, geschmückte Stäbe), die als Ausdruck der Freude gelten.  Oben auf diesen Stecken gibt es oft eine Bretzel – Symbol der Sonne – oder ein Ei – Symbol des Lebens und der Fruchtbarkeit.

Weinheim (2)
Ein grauer ‘Sommertag’ in Weinheim!

Am Ende des Festzugs versammeln sich alle Teilnehmer und andere Bewohner der Stadt auf dem Marktplatz.  Dort spielen Musikvereine auf dem Balkon des Rathauses, während die letzten Vorbereitungen auf den Höhepunkt des Festes gemacht werden… die Verbrennung des großen Schneemanns!  So pervers das auch klingen mag, bedeutet diese Verbrennung der endgültige Sieg des Frühlings über den Winter.

Allerdings muss ich zugestehen, dass Sonntag 6. März ein kalter, regnerischer Tag war – wirklich kein Vorgeschmack auf Frühling…

Falls du nächstes Jahr mitmachen möchtest, feiern die Weinheimer den Sommertagszug 2017 am 26. März!

 Nicola Deboys, OGN Coordinator